Le Martyre de Saint Sébastien – das vernachlässigte Chef-d’œuvre Debussys in der Philharmonie Luxemburg

Claude Debussys zweites großes Bühnenwerk (neben Pelléas et Mélisande) ist einem breiteren Publikum nahezu unbekannt. Grund dafür sind die ausufernden Imaginationen und geschraubten Verse des Dichters Gabriele d’Annunzio. Die grandiose und tief berührende Musik Debussys verdient jedoch unsere besondere Aufmerksamkeit: Zu hören ist sie am 28. Januar 2017 in der Philharmonie Luxemburg – zusammen mit einem Ausschnitt aus Richard Wagners Parsifal. Die Kombination beider Werke ist von besonderem Reiz, denn der Martyre wurde auch als „Debussys Parsifal“ bezeichnet.

Die Uraufführung von d’Annunzios fünfaktigem „Mystère“ am 22. Mai 1911 im Pariser Théâtre du Châtelet war ein Event, das die Imaginationen des Dichters mit exorbitantem Aufwand in Szene setzte und ein beträchtliches Presseecho auslöste.

Das Châtelet war in jenen Jahren ein Ort denkwürdiger Avantgarde-Veranstaltungen, wie den legendären Aufführungen der Ballets russes Sergei Djagilews (Diaghileff) und des Tänzers Nijinsky. Im selben Jahr wie der Martyre kam dort das Ballett Petruschka von Igor Strawinsky heraus; 1917 war das Stück Parade von Eric Satie und Jean Cocteau mit Kostümen und Bühnenbildern von Pablo Picasso zu sehen.

Der Titelheld des Mysterienspiels, der heilige Sebastian von Emesa (Homs in Syrien), Kommandant der Bogenschützen des Kaisers Diocletian, verweigerte sich dem heidnischen Kult und ging dafür in den Tod: Man band ihn an einen Baum und seine Kameraden schossen auf seinen Leib. Das Motiv des von Pfeilen durchbohrten Sebastian beschäftigte die religiöse Kunst durch Jahrhunderte, sowohl die Plastik als auch vor allem die Maler der Renaissance: Botticelli, Sodoma, Mantegna, Perugino. Künstlerische Motivation für die unverkennbar erotischen Darstellungen war die Schönheit des Jünglings; die Verletzungen des makellosen Körpers und die über den Schmerz triumphierende Entrückung des Heiligen verleihen den Bildern eine eigentümliche Spannung.

Abb.: Schule von Pietro Perugino: Hl. Sebastian

Besucher der Luxemburger Philharmonie erinnern sich vielleicht noch an die Performance-Serie „Bogenübung“ von Georg Nussbaumer während des Festivals rainy days 2015, in der ein von Bildern Sebastians umgebener Violoncello-Corpus von Pfeilen durchschossen wurde.

D’Annunzio (1863-1938), der 1910 in Paris Zuflucht vor seinen Gläubigern gefunden hatte, war von der Heiligenlegende wie auch von den Renaissance-Bildern fasziniert. Der Dichter der Décadence, Verehrer des Übermenschen Nietzsches, Nationalist und späterer Anhänger des Faschismus schuf, inspiriert durch das mittelalterliche Genre, ein „Mysterienspiel“ mit Elementen des zeitgenössischen symbolistischen Theaters. Geht es in Wagners Musikdrama Parsifal um eine ethische Botschaft – die Erlösung der Menschheit durch Mitleid –, so entfaltet d’Annunzio ein virtuoses Kaleidoskop interkultureller Bezüge mit zahlreichen Anspielungen auf die antike Mythologie. Die Leidensgeschichte Sebastians vermischt sich mit derjenigen von Christus; wie dieser ruft er aus: „Mon âme est triste justqu’à la mort“. Zugleich wird die Heiligenlegende mit dem antiken Kult des Adonis von Byblos (Syrien) verbunden und der Märtyrer mit dem schönen griechischen Halbgott gleichgesetzt. Als verstörendes Moment kommt das des Androgynen hinzu: Es tritt auch in den Sebastian-Darstellungen der Renaissance zu Tage und ist bereits im Adoniskult enthalten. So entstand ein Werk, in dem sich Mystizismus mit heidnischer Magie sowie religiöse Ekstase mit Erotik verbindet.

Das Motiv des Androgynen taucht auch in dem Roman Istar (1888) von Joséphin Péladan (Sâr Péladan) auf. Der Dichter war von der Kunst Richard Wagners, insbesondere vom Parsifal, fasziniert und ließ 1892 in Paris den esoterischen Orden der Rosenkreuzer unter dem Namen Ordre de la Rose-Croix Catholique et esthétique du Temple et du Graal wieder aufleben, dem Debussy damals nahe stand. In Péladans Roman kommt die weibliche Figur der schönen Sainte-Sebaste vor; im Frontispiz des Buchs sieht man eine Frau mit gefesselten Händen an einer Stele – ein Bild des zeitgenössischen Malers Fernand Khnopff.

Abb.: Péladan, Istar; Fernand Khnopff

D’Annunzio begegnete in Paris einer für die Entstehung des Werks entscheidenden Persönlichkeit: Ida Rubinstein (1885-1960), Russin aus wohlhabender jüdischer Familie und eine der schillernden Erscheinungen der damaligen Kunstszene: Tänzerin, Schauspielerin und Choreographin. Groß, schlank und von androgyner Erscheinung war sie die ideale Darstellerin der Hauptfigur. Sie gründete für die Produktion eigens eine Tanzkompanie und zog den berühmten Choreographen Michail Fokin (Fokine) hinzu; Bühnenbild, Kostüme und Plakate fertigte der Maler Léon Bakst an – beide, Fokin und Bakst, waren mit Djagilews Ballets Russes verbunden. – Ida Rubinstein erwarb sich übrigens nicht nur Verdienste als Mäzenin des Martyre, sondern vergab später auch Ballett-Aufträge an Komponisten wie Ravel (Boléro 1928; La Valse 1929), Strawinsky (Le baiser de la fée, 1928, Perséphoné, 1933), Arthur Honegger (Jeanne d’Arc au bûcher, 1930) und Jacques Ibert.

Das symbolistische Mystère d’Annunzios bedurfte unbedingt der Musik – und wer war als Komponist geeigneter als der „Meister des Impressionismus“, Claude Debussy? Dieser war auch gleich entflammt für den Stoff mit seiner Mischung aus lautem, prallen Leben und christlichem Glauben, in dem, so Debussy, „le culte d’Adonis rejoint celui de Jésus“. Innerhalb kürzester Zeit, von Januar bis April, komponierte er in Zusammenarbeit mit dem Komponisten André Caplet insgesamt 17 Nummern von ca. 50 Minuten Dauer. Es entstand ein szenisches Gesamtkunstwerk, in dem Dichtung, Musik, Tanz sowie bildende Kunst miteinander verflochten sind und Schauspieler, Tänzer und Sänger eng zusammenwirken. Wie die Presse übereinstimmend lobte, fand Debussy in seiner Komposition zu einer neuen, aus dem Geist des Werks geborenen und überaus wirkungsvollen Musiksprache, aus der man Anklänge an den Parsifal heraushörte.

Einige Tage vor der Premiere verbot der Pariser Erzbischof den Gläubigen den Besuch der Aufführung. Die Vermischung der Heiligenlegende mit dem erotischen Adoniskult und die Darstellung des Heiligen durch eine Frau (zudem eine jüdische) wurden als Beleidigung des „christlichen Bewusstseins“ angesehen. D’Annunzio und sein Komponist suchten den Dialog mit der Kirche und beteuerten, „que cette œuvre, profondément religieuse, est la glorification lyrique non seulement de l’Athlète admirable du Christ mais de tout l’héroisme chretien“. Und Debussy versicherte in einem Interview, dass er die Musik so geschrieben habe, als ob sie ihm für eine Kirche aufgetragen worden wäre.

Trotz der üppigen Ausstattung wurde das weitschweifige Stück schon bald nach der Uraufführung wieder abgesetzt. Man versuchte das Werk durch eine (von Germaine Inghelbrecht arrangierte und von d’Annunzio und Debussy gebilligte) Oratorien-Fassung zu retten: Der Schauspieltext entfällt dabei fast völlig und die 17 Musikstücke werden durch Textpassagen so verbunden, dass der Inhalt notdürftig erkennbar bleibt.

In dieser Form wird Debussys Werk auch am 28. Januar 2017, 20:00 Uhr, in der Philharmonie Luxemburg zu hören sein – zusammen mit dem I. Akt Parsifal von R. Wagner; dazu um 19:15 eine Einführung mit dem Titel: „Le Martyre de Saint Sébastien – Debussys Parsifal?“

Prof. Dr. Wolfgang Grandjean