Biographisches

Ein gerader Weg führt immer nur ans Ziel. (André Gide)

Wolfgang Grandjean mit dem Novalis-Ensemble.
Wolfgang Grandjean mit dem Novalis-Ensemble.

Geboren 1944 in Trier/Mosel. Sängerknabe im Trierer Domchor unter Johannes Klassen.  Klavierunterricht bei GMD Rolf Reinhard (einem Enkelschüler von Clara Wieck). Orgelunterricht bei dem Domorganisten Wolfgang Oehms. Während der Schulzeit Auftritte als Pianist, Betätigung als Kirchenorganist und Chorleiter.

Studium

Von 1964 bis 1968 Lehramts-Studium an der Musikhochschule Saarbrücken sowie Musikwissenschaft (bei Prof. Walter Wiora) und Geschichte an der Universität des Saarlandes. Während meines Klavier-Studiums bei Prof. Walter Blankenheim erfolgten Auftritte als Pianist in Live-Sendungen des Saarländischen Rundfunks (SR): J. Brahms, Rhapsodie h-Moll op. 79,1; R. Schumann, Abegg-Variationen; A. Schönberg, Klavierstück op.33a; J. Brahms, Violinsonate A-Dur (mit Rainer Mehne, Violine), Klavierlieder (mit Peter Wetzler, Tenor). Die Abegg-Variationen wurden vom Deutschlandfunk übernommen und zweimal ausgestrahlt, wofür ich jeweils eine Gage von 25 DM (!) erhielt. – Mit Rainer Mehne und Peter Wetzler nahm ich am Duo-Wettbewerb der deutschen Musikhochschulen teil und begleitete darüber hinaus Studierende unserer Hochschule bei Solo-Wettbewerben. Neben Klavier studierte ich Orgel bei Ludwig Dörr (Domorganist in Speyer), Violoncello bei Herrn Bleuel (Solocellist im Orchester des SR), und Dirigieren bei Dieter Loskant. Ich leitete eine SR-Aufnahme des Stabat Mater von Pergolesi mit Studierenden.

1969 Erstes Examen für das Lehramt in Musik und Geschichte. Von 1968-1971 Studium der Komposition bei dem Hindemith-Schüler Heinrich Konietzny. Aufführung erster Kompositionen, u.a. im Saarländischen Rundfunk die Fünf Lieder nach Texten von Johannes Poethen mit dem Tenor Peter Wetzler und eine am Klavier improvisierte Hörspielmusik (unter der Leitung von Konietzny); beim Darmstädter Institut für Neue Musik und Musikerziehung 1971 Aufführung meines Libretto für Bläsertrio (Oboe, Klarinette, Fagott); bei den „Freunden zeitgenössischer Musik“, Saarbrücken, Devil Trap. Bicinium für Sprechstimme und Klavier über einen Sprechtext von Ernst Jandl. Zu diesen und weiteren Aufführungen siehe auch Kompositionen.

1969 wurde Hanne meine Frau. Sie hatte an der Musikhochschule Saarbrücken Musikpädagogik studiert und lehrte von 1971 bis 2005 als Lektorin für Sprecherziehung am Deutsch-Institut der Universität Münster. Unser Wohnsitz war bis 2002 Münster, seitdem leben wir in Trier.

Von 1971-73 Kompositionsstudium an der Kölner Musikhochschule bei Karlheinz Stockhausen, der damals gerade an die Hochschule berufen worden war. In der international besetzten Klasse waren damals außerdem Wolfgang RihmClarence Barlow, Gillian Bibby, Lásló Dubrovay, Robert HP Platz, Tim Souster, Richard Toop, Claude Viviers, Dan Voiculescu und andere. Gleichzeitig Studium im Elektronischen Studio der Hochschule bei Prof. Hans Ulrich Humpert.

Stockhausen gab seinen Unterricht stets für die gesamte Klasse, zumeist in der privaten Atmosphäre seines Hauses in Kürten (mit Tee, Plätzchen und Anekdoten). Gegenstand des Unterrichts war hauptsächlich sein eigenes Werk. Behandelt wurden Mantra, Spiral, Mikrophonie I, In Freundschaft, Momente u. a. Er legte großen Wert darauf, dass seine Schüler genau lernten, wie seine Musik zu realisieren sei. Wurden Werke gerade aufgeführt, fand der Unterricht an den Aufführungsorten statt. So erlebten wir hautnah die Proben zur „Europa-Version“ von Momente 1972 im WDR. Die spirituelle Seite von Stockhausens Komponieren blieb mir fremd. Auch hatte ich grundsätzliche Zweifel am Funktionieren der „Momentform“ und betrachtete sie als eine logisch nicht hinterfragbare Arbeitshypothese. Amüsiert reagierte Stockhausen auf meine Bemerkung, die Formelkomposition scheine mir eine typisch deutsche Technik im Sinne von Beethovens „entwickelnder Variation“ zu sein, die ein auf formale „Einheit“ abzielendes Komponieren ermögliche. Er selbst schätzte an der Formelkomposition auch den arbeitsökonomischen Aspekt: Er beklagte einmal, wie unendlich zeitaufwendig die Komposition eines Musikwerkes sei im Gegensatz z.B. zur Herstellung eines Gemäldes.

Es wurden auch Werke anderer Komponisten analysiert, z.B. Chronochromie von Olivier Messiaen. Die Analysen zielten dabei nicht nur auf die Klangfarbe (sowie die Parameter Tonhöhe und Tondauer), sondern auch auf die Dynamik. Eher selten stellte Stockhausen uns „Kompositionsaufgaben“: Ich erinnere mich an eine, bei der ein „Prozess“ der Annäherung von entgegengesetztem Material (hoch-tief, lang-kurz) entwickelt werden sollte. Unsere selbständig komponierten Arbeiten nahm Stockhausen im Unterricht nicht zur Kenntnis – mit Ausnahme derjenigen von Wolfgang Rihm (Rihm erinnerte sich in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. März 2012 an die gemeinsame Zeit). – Stockhausen wollte mich übrigens anfangs dafür gewinnen, den Unterrichtsverlauf zu protokollieren, um ihn zu veröffentlichen; erste Proben meiner zusammenfassenden Berichte waren ihm aber zu wenig „authentisch“, das hieß wohl auch zu sachlich bzw. distanziert .

Während der Zeit bei Stockhausen machte ich wertvolle Erfahrungen im Elektronischen Studio bei H. U. Humpert – damals noch im alten Gebäude der Hochschule Köln (dem ehemaligen WDR-Gebäude mit dem Paternoster-Aufzug). Zwei Stücke entstanden: Schichten und Cosa rara (Kompositionen), die noch in analoger Tonbandtechnik realisiert wurden: das erste rein mit Generatoren, das zweite mit Hilfe eines Moog-Synthesizers.

Gleichzeitig studierte ich an der Bonner Universität Musikwissenschaft; Promotion 1973 bei Prof. Günther Massenkeil mit einer Dissertation über den Wandel des Kirchenlieds in Trier seit dem Aufkommen der ersten Gesangbücher im 16. Jahrhundert. – Daneben trat ich weiterhin als Pianist auf, vorwiegend als Liedbegleiter von Peter Wetzler. Wir gestalteten zwischen 1969 und 1973 zahlreiche Liederabende.

Professur für Musiktheorie an der Folkwang-Hochschule für Musik Theater Tanz Essen (später Folkwang-Universität)

1974 Dozentenstelle für Schulpraktisches Klavierspiel und Harmonielehre; 1979 Berufung zum Professor für Musiktheorie; 2009 Emeritierung. Von 1988 bis 1992 Dekan des neu errichteten „Fachbereichs für die künstlerischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Fächer“; Mitwirkung an der Umwandlung in eine Hochschule mit universitären Strukturen. Zugleich Vorsitzender des „Staatlichen Prüfungsamtes Düsseldorf für Musiklehrer“ in der Hochschule. Von 1988 bis 2002 Mitglied des Senats. Mitwirkung an der Umwandlung der Diplomstudiengänge in Bachelor– und Master-Studiengänge nach Maßgabe des „Bologna-Prozesses“.

Ausbildung der Instrumentalisten, Sänger, Musikpädagogen, Komponisten – das sind die wesentlichen Bereiche einer Musikhochschule. Ziel meines musiktheoretischen Unterrichts war es, das Verständnis von Kunst bei den jungen Musikern durch Vermittlung der handwerklichen Grundlagen der Komposition sowie ihrer Gestaltungsformen und Ausdrucksmittel zu vertiefen. Angestrebt wurde das durch theoretische Vermittlung und durch praktisches Tun, d.h. durch „Tonsatz“-Arbeiten und Improvisation. – Zielgruppen meines Unterrichts waren Studierende aller Musikstudiengänge: Komponisten, Kirchenmusiker, Schulmusiker, Orchestermusiker, Opernsänger, Instrumentalsolisten, Dirigenten, Musiktheoretiker und Musikwissenschaftler. Der Theorieunterricht orientierte sich am (klassischen) Kunstwerk – im Einklang mit dem im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts (noch) gültigen didaktischen Paradigma. Schwerpunkte meiner Lehrtätigkeit waren:

  • „Theorie der Musik“: Systematik und Geschichte der Kompositionslehre vom Mittelalter bis zur Gegenwart
  • Musikalische Analyse. Leitgedanke war, das Verstehen von Musikwerken durch Kenntnisse ihrer kompositorisch-handwerklichen sowie ihrer ästhetischen Voraussetzungen zu fördern. Dabei bemühte ich mich um eine enge Verbindung mit der künstlerisch-gestaltenden Interpretation der Werke.
  • Satzlehre: Kontrapunkt der Vokalpolyphonie („Palestrina-Kontrapunkt“) und der Barockzeit („Bach-Kontrapunkt“). Bis zu dem um 2000 einsetzenden Paradigmenwechsel, der die Popularmusik und die neuen Medien stärker akzentuierte, wurde Wert auf handwerkliche Fertigkeit auf den Gebieten der Satztechnik gelegt. Im Zentrum stand eine Beherrschung des vierstimmigen Satzes und des Kontrapunkts. Lehrmeister war vor allem J. S. Bach mit seinem vierstimmigen Satz (Choralsatz) und seinen Fugen (Wohltemperiertes Klavier). Begründung dieses Lehrstoffs auch hier: Durch den praktischen Umgang mit den allgemein gültigen Kompositionsregeln sollte eine Grundlage für das Verständnis der Musik gelegt werden.
  • „Neue Musik“ des 20. Jahrhunderts. Zu Beginn meiner Lehrtätigkeit war die Vermittlung der „Neuen“ Musik (Schönberg bis zu den Zeitgenossen) an den Musikhochschulen nicht selbstverständlich. Die Gruppe der Theoriedozenten der Folkwang-Hochschule, darunter die Komponisten Wolfgang HufschmidtNicolaus A. Huber sowie Dieter Torkewitz, spielte unter den deutschen Hochschulen eine Vorreiterrolle, indem sie bereits in den 70er Jahren für alle Studiengänge einen Lehrplan durchsetzte, der die zeitgenössische Musik von Anfang an in den Theorieunterricht integrierte – gegen mancherlei Widerstand aus dem Instrumentalbereich. Diese didaktische Entscheidung war getragen von der Überzeugung, dass die Kenntnis zeitgenössischer Musik unverzichtbar sei nicht allein für das Verständnis von Musik generell, auch der älteren, sondern auch für die Kultur unserer Zeit. Von manchen Instrumental-Studenten wurde das Angebot genutzt, ihre beruflichen Möglichkeiten durch eine Spezialisierung im Bereich der zeitgenössischen Musik zu erweitern. Für den vermittelnden Lehrer aber waren eigene kompositorische Erfahrungen mit „Neuer Musik“ unverzichtbar.

Aus Themen des Unterrichts entstanden wissenschaftliche Projekte:

– aus dem Analyse-Unterricht eine Untersuchung von Bruckners Musik, vor allem der für ihn so charakteristischen Metrik: Metrik und Form. Zahlen in den Symphonien von Anton Bruckner (Wissenschaftliche Projekte, Bruckner)
– aus der historischen Musiktheorie das Projekt „Mozart als Theoretiker“ sowie Aufsätze zu Mozarts Komposition, zu Simon Sechters metrischer Theorie (Wissenschaftliche Projekte, Mozart)
– aus dem Kontrapunkt ein Aufsatz zur Fugentheorie („Modale und durmolltonale Fugenexposition“), aber auch eine praktische Arbeit: die Komposition von Otto Jägermeier: Mein Wohltemperiertes
– aus der didaktischen Beschäftigung mit der zeitgenössischen Musik erwuchsen Kompositionen für Instrumentalensembles, Stimme, Elektronik, Klavier. Sie wurden im Ruhrgebiet, im WDR und deutschlandweit aufgeführt (Kompositionen).

Liederkreis_mNach meiner Emeritierung 2009 kehrte ich wieder verstärkt zu pianistischer Tätigkeit zurück und wirkte in mehreren Trierer Ensembles mit, u. a. dem Novalis-Ensemble, dessen Kern ein von Klaus Risch gegründetes Bläserquintett bildete; auf dem Programm standen u.a. von Ludwig Thuille das Septett op. 6 und von George Onslow das Grand Sextuor (op. 77b). Mit professionellen (Albert Boesen) und dilettierenden Musikern führte ich im Trierer Raum Kammermusik von Mozart, Beethoven, Schubert (Forellenquintett) und Schumann (Klavierquartett, op.44) auf.

Einen wissenschaftlichen Schwerpunkt bildet seit meiner Rückkehr nach Trier die Erforschung von Leben und Werk des deutsch-französischen Komponisten Georg/Georges Schmitt (1821-1900). Ich verfasste eine Biographie – 544 Seiten im Verlag Olms (Hildesheim, Zürich, New York) – und veröffentlichte einige seiner Pariser Werke, Verlag Dohr, Köln. (Siehe dazu unter „Georges Schmitt“.)

Seit 2015 begleite ich als Vorstandsmitglied des Richard Wagner Verbandes Trier-Luxemburg (RWV) redaktionell dessen Konzerte und Veranstaltungen. Diese stehen unter einem jährlich wechselnden Motto und thematisieren die Beziehung Wagners zu anderen Komponisten und musikkulturellen Entwicklungen.

Zum 30jährigen Bestehen des RWV Trier-Luxemburg im Jahre 2017 fanden Konzerte und Vorträge unter dem Motto „Richard Wagner und der französische Wagnerismus“ statt. Bei dem Jubiläumskonzert in der Philharmonie Luxemburg am 31. Januar 2017 wurden (unter der Leitung des RWV-Vorsitzenden und Dirigenten Jochen Schaaf) Debussys Le Martyre de Saint Sébastien und Ausschnitte aus Wagners Parsifal dargeboten. Siehe dazu meine Vorträge und Zeitungsartikel unter „Essays und Vorträge“.

Im Jahre 2019 sollte der Schwerpunkt auf der Beziehung Hans Pfitzners zu Richard Wagner liegen. Leider konnte die von langer Hand vorbereitete Aufführung von Pfitzners romantischer Kantate „Von deutscher Seele“ auf Gedichte von Joseph von Eichendorff nicht stattfinden, weil es von Seiten der Stadt Trier und des Landes RLP politisch motivierte Widerstände gab: Pfitzner sollte im Jahr seines 150. Geburtstags nicht durch eine Aufführung seiner Musik geehrt werden. Leider kam dadurch auch ein wissenschaftliches Kolloquium nicht zustande, in dem Pfitzners Nationalsozialismus und Antisemitismus thematisiert werden sollte.

Die Begleitumstände, vor allem in der Trierer Presse, waren allerdings deprimierend. Die lokale Zeitung beteiligte sich an der heutzutage in den „sozialen Medien“ grassierenden Verbreitung von „alternativen Tatsachen“ – diesmal nach dem Motto: Was scheren uns die historischen Fakten und eine wissenschaftlich korrekte Bewertung von Person und Kunst Pfitzners, wenn es gilt, die „richtige Gesinnung“ zu zeigen. Eine Redakteurin des lokalen Blatts wünschte sich Pfitzner sogar „ab auf den Schrotthaufen der Geschichte“ – political correctness kann auch in die Nähe von Bücherverbrennungen führen.

Auch eine zunächst in Aussicht gestellte Aufführung im Jahre 2021 kam nicht zustande.

Zu meinem 75. Geburtstag veranstaltete die Gesellschaft für aktuelle Klangkunst Trier unter der Schirmherrschaft des Kulturdezernenten der Stadt Trier am 8. September 2019 ein Konzert mit meinen Werken Sol brisé, Liebeslieder auf Gedichte von Ulla Hahn, KlängeFarben–WegeBewegung und Otto Jägermeier: Mein Wohltemperiertes. Es spielten das E-Mex Ensemble Ruhr und der Pianist Thomas Günther; es sang die Sopranistin Julia Henning (Lüneburg).