Bühnenweihfestspiel und symbolistisches Mysterienspiel

Richard Wagners Parsifal und Claude Debussys Le Martyre de Saint-Sébastien – zwei religiöse Werke der Antipoden: hier der Bayreuther Musikdramatiker, dort der musicien français. Beide Werke scheinen wenig gemeinsam zu haben, zu unterschiedlich sind sie in Musiksprache und Form. Dass es aber latente Verbindungen gibt, empfanden schon unmittelbar nach der Uraufführung des Martyre einige Rezensenten, und der spätere Debussy-Biograph Émile Vuillermoz meinte sogar: Debussy habe „mit dem Martyre seinen Parsifal geschrieben“.

Das Bühnenweihfestspiel Parsifal, Wagners letztes Musikdrama und sein Vermächtnis, entstand ab 1877 und wurde am 26. Juli 1882 im Festspielhaus von Bayreuth uraufgeführt. Die erste Beschäftigung Wagners mit dem Parzival-Epos Wolfram von Eschenbachs bzw. der Gralssage reicht bis auf das Jahr 1845 zurück. Der Plan zum Musikdrama reifte in mehreren Stufen heran. Dabei gab die Auseinandersetzung mit der Philosophie Schopenhauers und mit der durch sie vermittelten buddhistischen Geisteswelt, insbesondere der Mitleidsethik, dem Plan den entscheidenden, bedeutungsvollen Impuls. Das Epos Eschenbachs ist schließlich nur noch narrative Hülle für die ethische Botschaft: Erlösung und Regeneration der Menschheit durch Mitleid – vermittelt durch den „reinen Toren“ Parsifal. Die Übertragung des religiösen Zeremoniells der Gralsenthüllung auf eine Theaterbühne rechtfertigte Wagner in seiner 1880 publizierten Abhandlung Religion und Kunst damit, dass in einer Zeit, in der Religion künstlich geworden sei, nur noch die Kunst den Kern der Religion retten könne, indem sie deren mythische Symbole „ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.“

Abb.: Paul von Joukowsky: Gralstempel; Bühnenbild der Parsifal-UA, 1882

Auch Gabriele d’Annunzios „Mystère“ Le Martyre de Saint-Sébastien beruht auf einer Sage bzw. Legende; sie kündet von christlicher Glaubensstärke bis in den Tod. Der Titelheld, der heilige Sebastian von Emesa (Homs in Syrien), Kommandant der Bogenschützen des Kaisers Diocletian, verweigert sich dem heidnischen Kult und muss sterben: Man bindet ihn an einen Baum und seine Kameraden schießen auf seinen Leib. – Das Motiv des von Pfeilen durchbohrten Sebastian beschäftigte die religiöse Kunst durch Jahrhunderte, sowohl die Plastik, als auch die Maler der Renaissance (Sodoma, Mantegna, da Messina, Perugino); künstlerische Motivation hinter den unverkennbar erotischen Darstellungen war die Schönheit des Jünglings. (Eine zeitgenössische Interpretation des Mythos fand während des Festivals rainy days im November 2015 in der Philharmonie Luxemburg statt: Besucher erinnern sich vielleicht noch an die Performance „Bogenübung“ von Georg Nussbaumer, bei der ein von Sebastian-Bildern eingerahmter Violoncello-Corpus von Pfeilen durchbohrt wurde.)

Inspiriert vom mittelalterlichen Mysterienspiel entfaltet d’Annunzio ein virtuoses, symbolistisch verfremdetes Bühnenstück mit zahlreichen interkulturellen Bezügen und Anspielungen auf die antike Mythologie. Die Leidensgeschichte Sebastians vermischt sich mit derjenigen von Christus und zugleich mit dem antiken Adoniskult. Als weiteres, verstörendes Moment tritt das des Androgynen hinzu; es ist jedoch bereits in den Sebastian-Darstellungen der Renaissance wie auch schon im Adoniskult enthalten.

Abb.: Hl. Sebastian, Perugino-Schule

Das fünf Akte umfassende Mystère d’Annunzios bedurfte zweifellos der Musik – und wer war als Komponist besser geeignet als der „Meister des Impressionismus“, Claude Debussy? Seine Komposition entstand innerhalb kürzester Zeit: zwischen Januar und Mai 1911. Nur das kurze V. Bild hat Debussy jedoch vollständig vertont; von den umfangreicheren Bildern I bis IV wurden jeweils nur der Anfang (Prélude), ein Stück aus der Mitte der Handlung und der Schluss (Finale) komponiert. Insgesamt entstanden 17 Nummern von ca. 50 Minuten Spieldauer. Wird in Wagners Parsifal das Ritterepos in die geschlossene Form des dreiaktigen musikalischen Dramas gefasst, so ist Martyre im Ergebnis ein locker gefügtes szenisches „Gesamtkunstwerk“, in dem Dichtung, Musik, Tanz sowie bildende Kunst miteinander verflochten sind und Schauspieler, Tänzer und Sänger eng zusammenwirken.

Die fast fünf Stunden dauernde Uraufführung des Mystère fand am 22. Mai im Pariser Théâtre du Châtelet statt. Einige Tage vor der Premiere verbot der Pariser Erzbischof den Gläubigen den Besuch der Aufführung. Die Vermischung der Heiligenlegende mit dem erotischen Adoniskult sowie die Darstellung des Heiligen durch die (jüdische) Tänzerin Ida Rubinstein wurden als Beleidigung des „christlichen Bewusstseins“ angesehen. D’Annunzio suchte den Dialog mit der Kirche und beteuerte, dass das Werk als Glorifizierung des christlichen Heroismus zu verstehen sei. Und Debussy versicherte, dass er die Musik so geschrieben habe, als ob sie ihm für eine Kirche aufgetragen worden wäre.

Trotz aufwendiger Inszenierung wurde das Stück schon bald nach der Uraufführung wieder abgesetzt – es war zu weitschweifig, die Verse zu schwülstig. Man versuchte es daher durch eine (von d’Annunzio und Debussy gebilligte) Oratorien-Fassung zu retten: Der Schauspieltext entfällt dabei weitgehend und die 17 Musikstücke werden durch Textpassagen so verbunden, dass der Inhalt erkennbar bleibt. – In dieser Form, allerdings ohne die verbindenden Texte, wird das Werk heute zu hören sein.

Prof. Dr. Wolfgang Grandjean